Swisscom – Illegale Daten-Lotterie?


In seinem KMU-Magazin veranstaltet das schweizersiche Telekomunternehmen Swisscom jeden Monat einen Wettbewerb bzw. ein Quiz, bei dem man Preise, wie z.B. Smartphones gewinnen kann. In den entsprechenden Teilnahmebedingungen reisst sich Swisscom die Angaben der Teilnehmer, also deren persönliche Daten nach Art. 3 lit. a des schweizerischen Datenschutzgesetzes (DSG) für künftige Werbung für eigene Produkte unter den Nagel. Ein Student von mir wollte wissen, ob dies rechtens, also legal ist. Offensichtlich hat meine juristische Sensibilisierung gefruchtet. Denn effektiv könnte diese Praxis von Swisscom gegen datenschutzrechtliche Vorschriften, aufgrund neuerer Erkenntnisse sogar gegen das Lotteriegesetz verstossen.

Art. 4 DSG nennt die datenschutzrechtlichen Grundsätze. Nach dem Grundsatz der Verhältnissmäsigkeit dürfen im Rahmen von Wettbewerben, wie dem vorliegenden, vom Veranstalter nur persönliche Daten abgefragt werden, die für die Durchführung des Wettbewerbs (Zweck) notwendig und geeignet sind. Für die Durchführung eines Wettbewerbs braucht der Veranstalter für die Identifikation und Benachrichtigung des Teilnehmers dessen Name, evtl. Geburtsdatum, und Adresse (E-Mail reicht) oder Telefonnummer. Diese Daten dürfen gemäss dem Grundsatz der Zweckbindung ausschliesslich für die Durchführung des Wettbewerbs verwendet werden. Eine Verwendung für andere Zwecke, insb. weitere Werbung, ist nicht zulässig. Zudem gilt der allgemein gültige Grundsatz von Treu und Glauben. D.h. insb., dass der Teilnehmer vom Veranstalter insb. bei der Abfrage von persönlichen Daten nicht getäuscht werden darf. Da die Rechtsprechung im Kontext der Ungewöhnlichkeitsregel davon ausgeht, dass allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) von den Kunden bzw. Betroffenen in der Regel nicht gelesen werden, darf ein zusätzlicher Zweck, wie hier die Verwendung der Daten für künftige Werbung, nicht in den AGB versteckt werden, sondern muss offen direkt bei der Datenerhebung kommuniziert werden. Zur Best Practice gehört diesbezüglich, dass der Teilnehmer explizit gefragt wird, ob er inskünftig Werbung wünscht. Aus diesen Gründen muss die hier praktizierte Kommunikation von Swisscom als widerrechtlich bezeichnet werden.

Das vorliegende Quiz weist aber noch einen weiteren rechtlich problematischen Aspekt auf, der es generell verbieten würde, Wettbewerbe mit dem Sammeln von Daten für künftige Werbung zu verbinden. Gemäss Art. 1 des Lotteriegesetzes (LG) sind Veranstaltungen grundsätzlich verboten, bei denen gegen Leistung eines Einsatzes oder bei Abschluss eines Rechtsgeschäftes ein vermögensrechtlicher Vorteil als Gewinn in Aussicht gestellt wird, über dessen Erwerbung, Grösse oder Beschaffenheit planmässig durch Ziehung von Losen oder Nummern oder durch ein ähnliches auf Zufall gestelltes Mittel entschieden wird*. Vorliegend verlangen die Teilnahmebedingungen, dass der Betroffene, will er am Quiz bzw. Wettbewerb teilnehmen, seine Daten für künftige Werbung des Veranstalters zur Verfügung stellt. Eine vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) durchgeführte Studie hat ergeben, dass die persönlichen Daten, mit denen wir uns Gratisleistungen auf dem Internet „erkaufen“, einen Wert von rund 20’000 US-Dollars pro Jahr (!) aufweisen (NZZ 25.9.2017, https://www.nzz.ch/feuilleton/wir-sind-zapfstellen-fuer-die-online-giganten-ld.1317736). Damit ist bei den persönlichen Daten, die wir einem Veranstalter eines Wettbewerbs für künftige Werbung überlassen, von einem Einsatz gemäss Art. 1 LG auszugehen. Wenn nun gleichzeitig auch noch die übrigen Tatbestände nach Art. 1 LG gegeben sind, würde es sich damit um eine verbotene Lotterie handeln. Ob Art. 1 LG noch zeitgemäss ist, wird immer wieder diskutiert. Fakt ist aber, dass zwar das Lotteriegesetz in den letzten Jahren immer wieder teilrevidiert, das Konstrukt von Art. 1 LG jedoch beibehalten wurde.

Wann ist ein Wettbewerb eine generell verbotene Lotterie?

Art. 1 LG verlangt für das Bestehen einer generell verbotenen Lotterie vier Elemente, die kumulativ (also alle zusammen) gegeben sein müssen: Leistung eines Einsatzes oder Abschluss eines Geschäfts, vermögenrechtlicher Vorteil als Gewinn, geplante Durchführung sowie Zufall bei der Eruierung des Gewinners. Damit ein Wettbewerb nicht zur genell verbotenen Lotterie wird, muss folglich darauf geachtet werden, dass eines der genannten Elemente beim Wettbewerb nicht gegen ist. In der Praxis kommt dafür in der Regel lediglich der Einsatz oder der Abschluss eines Geschäfts in Frage. D.h. ein Veranstalter muss immer dafür besorgt sein, dass man am Wettbewerb auch gratis bzw. ohne Abschluss eines Geschäfts teilnehmen kann. In der Praxis wird dies häufig über eine Gratisteilahme über das Internet erfüllt.

Der oben beschriebene Fall von Swisscom könnte leicht korrigiert werden, in dem die Klausel in den Teilnahmebedingungen, die einen Zwang der Freigabe der persönlichen Daten für künftige Werbung begründet, entfernt und mit einer Box auf der Frontseite des Wettbewerbs ersetzt wird, bei der jedoch die Teilnehmer frei wählren können, ob sie inskünftig Werbung wünschen. Dabei darf jedoch die Box nicht standardmässig ein Kreuz enthalten.

Ueli Grüter, LL.M., Rechtsanwalt, Hochschuldozent, www.gsplaw.ch www.hslu.ch

Spam – Unerwünschte E-Mails sind illegal

Staatsanwaltschaft verurteilt Unternehmer zu Geldstrafe und Busse mit Eintrag im Strafregister

Nach Art. 3 Abs. 1 lit. o des schweizerischen Lauterkeitsgesetzes (UWG) handelt unlauter, wer Massenwerbung ohne direkten Zusammenhang mit einem angeforderten Inhalt fernmeldetechnisch sendet oder solche Sendungen veranlasst und es dabei unterlässt, vorher die Einwilligung (Opt-in) der Kunden einzuholen, den korrekten Absender anzugeben oder auf eine problemlose und kostenlose Ablehnungsmöglichkeit (Opt-out) hinzuweisen; wer beim Verkauf von Waren, Werken oder Leistungen Kontaktinformationen von Kunden erhält und dabei auf die Ablehnungsmöglichkeit hinweist, handelt nicht unlauter, wenn er diesen Kunden ohne deren Einwilligung Massenwerbung für eigene ähnliche Waren, Werke oder Leistungen sendet. Wer gegen diese Bestimmung verstösst, kann gemäss Art. 23 UWG auf Antrag mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft werden.

Unter diese Norm fallen E-Mails, Fax, SMS und automatisierte Telefonanrufe.

In einem neusten Entscheid hat die Staatsanwaltschaft St. Gallen einen Unternehmer wegen des Versandes eines Spam-Mails nach Art. 3 Abs. 1 lit. o UWG zu einer Geldstrafe und Busse von gesamthaft CHF 2’600.00 verurteilt. Die Strafe wird ins Strafregister eingetragen. Zudem muss der Unternehmer die Untersuchungsgebühr von CHF 700.00 tragen.

Gemäss Begründung der Staatsanwaltschaft handelte der Beschuldigte wissen- und willentlich. Er wusste, dass seitens des Adressaten keine Einwilligung für die Zustellung des kommerziellen E-Mails vorlag. Dennoch verschickte er dieses an den Adressaten.

Die Begründung der Staatsanwaltschaft St. Gallen entspricht der bisher höchstrichterlichen Rechtsprechung des Obergerichts des Kantons Zürich betreffend Spam-Mails nach Art. 3 Abs. 1 lit. o UWG.

Ueli Grüter, LL.M., Rechtsanwalt, Hochschuldozent, www.gsplaw.ch www.hslu.ch

Elektroauto – Unlautere Angaben zur Reichweite?

Vor kurzem haben wir einen Hyundai Ioniq Electric, also ein Elektroauto gekauft. Der Hersteller gibt eine Batteriereichweite von 280 km an. Effektiv fährt das Auto auch bei besten Bedingungen maximal 245 km. Dies entspricht einer reduzierten Reichweite von immerhin 12 %. Dies stellt u.E. ein Mangel an zugesicherten Eigenschaften nach Obligationenrecht dar. Zudem ist die Kommunikation einer entsprechenden, nicht zu erreichenden Reichweite unlauter nach Lauterkeitsgesetz (falsche Angaben über Produkte), was grundsätzlich auch ein Straftatbestand darstellt. Wir haben Hyundai Suisse aufgefordert, zur Sache Stellung zu nehmen.

Mit E-Mail vom 22. August 2017 nimmt nun Hyundai Suisse dazu Stellung und schreibt u.a.:

„Wie bereits in unserem Schreiben vom 14. Juli 2017 dargelegt, handelt es sich bei der Reichweite von 280 km um einen normierten Messlaborwert gemäss Neuem Europäischem Fahrzyklus. Im normalen Alltagsbetrieb wird es kaum möglich sein, die unter Laborbedingungen ermittelten Verbrauchswerte nachzufahren. Dies ist beispielsweise im Katalog bzw. der Preisliste entsprechend aufgeführt.“

Effektiv weist Hyundai auf der Homepage auf den «Neuen Europäischen Fahrzyklus» hin (Hyundai Ioniq Electric). Mehr steht dazu aber nicht. D.h. der Konsument müsste insbesondere auf dem Internet nach dem erwähnten Zyklus suchen (z.B. Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrzyklus) und müsst aus entsprechenden, extrem umfassenden und technischen Informationen ableiten, dass sein Hyundai Ioniq Elecric a priori eine Reichweite von 280 km im Alltag nie wird erreichen können. So gibt denn auch Hyundai Suisse unumwunden zu: «Im normalen Alltagsbetrieb wird es kaum möglich sein, die unter Laborbedingungen ermittelten Verbrauchswerte nachzufahren». Effektiv gibt es in Preisliste und Katalog allgemeine, und mittlerweile ja auch allgemein bekannte (!) Hinweise darauf, dass bei Autos der publizierte, theoretische Verbrauch mit dem effektiven Verbrauch nicht übereinstimmt. Dieser Hinweis wird aber nicht in Bezug auf die Reichweite von 280 km gemacht. Das ist ja eben auch nicht der Verbrauch, sondern die Reichweite.

Aus Sicht des Publikums ist aber relevant, dass effektiv mit den 280 km Reichweite Werbung gemacht wird, dass bei Elektrofahrzeugen dies die wichtigste Zahl ist, es aber gemäss Hersteller «im normalen Alltagsbetrieb [..] kaum möglich sein [wird], die unter Laborbedingungen ermittelten Verbrauchswerte nachzufahren», dies aber in unmittelbarem Bezug zur publizierten Zahl 280 nirgends steht.

Wir haben Hyundai Suisse zu einer erneuten Stellungnahme zu dieser Argumentation gebeten. In der Folge wurden wir von deren nunmehr eingeschalteten Rechtsanwalt kontaktiert. Dieser hat nun eine mit dem Lauterkeitsrecht kompatiblen Anpassung der Werbung von Hyundai betreffend der Reichweite des Hyundai Ioniq Electric in Aussicht gestellt. Der Rechtsvertreter möchte auf jeden Fall vermeiden, dass wir die Sache mittels Beschwerde vor die Lauterkeitskommission bringen. Dies scheint uns zwischenzeitlich ein adäquates Mittel zur generellen Förderung einer realitätsbezogenen und damit lauteren Kommunikation der Autoindustrie. Denn Hyundai ist ja nicht der einzige Autoproduzent, der hier offenbar eine gewisse Nonchalance an den Tag legt.

Fortsetzung folgt …

Ueli Grüter, LL.M., Rechtsanwalt, Hochschuldozent, www.gsplaw.ch www.hslu.ch

Vermischung von redaktionellem Inhalt und Werbung

Die Homepage des Boulevardmediums Blick dürfte ein Paradebeispiel für sogenanntes Native Advertising sein. Redaktionelle Inhalte und von Dritten bezahlte oder durch Dritte zur Verfügung gestellte Inhalte sind kaum mehr zu unterscheiden. Was in Zeitungen und Magazinen in Papierform bis anhin klar getrennt war, verschmischt sich im Zeitalter des Internets immer mehr. Medien, wie der Blick müssen mit Internet-Plattformen, wie Youtube mithalten, wo sich unabhängige Informationen und Werbung seit jeher vermischen. Der Schweizer Presserat, ein Selbstregulierungsorgan von Schweizer Medienschaffenden, versucht nun aber trotzdem dieser Tendenz in Schweizer Medien entgegenzuhalten. Er hat soeben seine Richtlinien entsprechend präzisiert. Der Presserat stellt klar, dass bezahlte oder durch Dritte zur Verfügung gestellte Inhalte gestalterisch von redaktionellen Beiträgen eindeutig abzuheben sind. Sofern sie nicht klar als Werbung erkennbar sind, ist zwingend zu deklarieren, dass es sich um bezahlten Inhalt handelt. Die Details der Richtlinien sind online noch nicht einsehbar und werden wohl mit deren Inkrafttreten per 1. Juli 2017 publiziert. Es ist aus rechtlicher und aus Sicht des Publikums sicherlich zu begrüssen, dass der Presserat wiedereinmal klarstellt, dass redaktionelle Inhalte und Werbung bzw. von Dritten bezahlte Inhalte klar voneinander zu trennen sind. Wie bei allen Regulatorien nützt es aber nichts, wenn die Regeln nicht durchgesetz werden. Ein „Chrüsimüsi“ von redaktionellen Inhalten und Werbung, wie man dies exemplarisch bei Blick-Online sieht, müsste vom Presserat als regelwidrig beanstandet werden. Es stellt sich auch die Frage, ob eine solche Homepage auch unlauter im Sinne des Schweizerischen Lauterkeitsgesetzes (UWG) ist. Ueli Grüter, LL.M., Rechtsanwalt, Hochschuldozent, www.gsplaw.ch www.hslu.ch